Algorithmische Kunst & Digitale Medien

an der Leuphana Universität Lüneburg


Frieder Nake

Winter 18/19, University of Bremen

vier Wochenenden, Leuphana Universität C 5.326

Erstes Treffen: 1. November 2018, 18-19:30

Ausgangspunkt für den Workshop ist die Behauptung, dass alle Dinge und Prozesse, die dem Com¬puter verfallen, eine verdoppelte Existenz aufweisen. Was soll das heißen? Die Dinge und Prozesse, wenn sie algorithmisch behandelt werden sollen, werden in ihrer gewöhnlichen, stofflichen, uns vertrauten, jedenfalls prin¬zipiell sinnlich wahrnehmbaren Form begleitet von einer zweiten Form. In dieser zwei¬ten Form erscheinen Dinge und Prozesse als berechenbare Zeichen. So sind sie "algorithmische Zeichen", die – wie ich sage – eine Oberfläche und eine Unter-fläche aufweisen. Die Oberfläche ist für den Menschen sichtbar (oder, allgemeiner: sinnlich wahrnehmbar); der Mensch interpretiert sie. Die Unterfläche ist für den Computer berechenbar; er determiniert ihre Bedeutung im Kontext der Berechenbarkeit.
Fünfmal hat die Veranstaltung in den letzten Wintersemestern stattgefunden. Wir versuchen es jetzt also zum sechsten Male. Das generelle Format hat sich bewährt. Es soll jedoch in diesem Winter etwas zugespitzt werden. Drei Themen werden anklingen und unsere Bemühungen kenn¬zeichnen: die algorithmische Kunst / das algorithmi-sche Denken / die digitalen Medien.
Die beiden äußeren Themen klammern das mittlere ein und setzen ihm den Kontext. Der umfassende Kontext ist die seit den 1960er Jahren in Wellen spürbare Algorithmische Revolution. Sie wälzt in wachsender Geschwindigkeit sämt¬¬liche technischen Grundlagen der Gesellschaft in einer nie dagewesenen globalen Kulturrevolution um und um. Marx und Engels hatten schon 1848 im Kommunistischen Manifest geschrieben (in schöner englischer Übersetzung): "All that is solid melts into air." Diese Ahnung über den gnadenlos alles freisetzenden Gang des Kapitalismus er-weist sich heute als stattfindende Wirklichkeit.
Wir erlauben uns nun einen Blick aus harmlos erscheinender Distanz, indem wir ein wenig die Geschichte der in den 1960er Jahren aufkommenden Algorithmischen Kunst befragen (damals "Computerkunst" genannt) und Erschei-nungen jetziger medialer Transformationen betrachten. Beide sind, wie alle derzeitigen gesellschaftlichen Prozesse, vor allem durch das algorithmische Prinzip gekennzeichnet, das ihnen unterliegt. Und das heißt: durch die Berechen-barkeit aller Prozesse. Zugegeben, das verlangt auch nach der Digitalität. Doch die digitale Form der Dinge ist not-wen¬dige Begleitung ihrer Algorithmisierung, ihrer Reduktion auf Berechenbares; sie ist nicht deren Kern.
Wenn wir das in Ansätzen verstehen wollen, wenn wir der Umwälzung der Welt begegnen und von ihr nicht nur mit-ge¬rissen werden wollen, dann ist es notwendig, dass wir Grundkenntnisse dessen erlangen, was beim Program¬mie-ren geschieht. Deswegen ist der Kern des Workshop dem algorithmischen Denken gewidmet. Ihm werden z.B. in den USA und der Schweiz derzeit große Anstrengungen hin auf die Schulen erwiesen. Dort wird meist von computa¬tional thinking gesprochen. Das wird uns zu eng erscheinen. Wir nehmen die Mathematik zum Ausgangspunkt, nicht den Computer.
In der oben angesprochenen Verdoppelung liegt die Besonderheit aller Computerdinge, nahezu aller Dinge also, die als Dinge heute relevant sind. In der Verdoppelung liegt das, worüber wir als digitale Kultur, digitale Gesellschaft, Digital Humanities etc. lesen. Diese Verdoppelung steht auch hinter dem, was Big Data genannt wird und allerlei mystische Nebelschwaden erzeugt. Die Verdoppelung ist einfach zu begreifen und doch von beliebiger Spekulation umwabert. Sie ist wesentliches Ergebnis der algorithmischen Revo¬lution.
Zumuten werde ich Euch, dass Ihr Euch auf die Ebene dessen aufschwingt, was heute Kultur ausmacht, oder, sagen wir es etwas bescheidener: was heute in kulturellen Prozessen wichtig ist.
Wir werden uns dazu mit der Programmiersprache Processing befassen und erleben, dass Program¬mieren anstrengt, aber letztlich, nach einem Anlauf über Hürden, kinderleicht wird. In prak¬tischer Auseinandersetzung mit dem "digi-talen" Bild werdet Ihr einerseits spüren, wie begeisternd eigenes Schaffen sein kann. Andererseits werdet Ihr eine Grundlage für die Beurteilung digitaler Bil¬der in ihrer Besonderheit erwerben. Ihr gewinnt Instrumente und Denkwei-sen für einen Umgang mit der Welt des Digitalen, der auf der Höhe der Zeit ist und der sich nicht von Vornherein in Spe¬ku¬lation flüchten muss.
Die Teilnehmenden sollen als eigene Leistung ein Gestaltungs-Projekt mit Processing bearbeiten, dessen Einzelheiten wir diskutieren. Den Rahmen dafür gebe ich vor. – Sehr zu wünschen ist es, wenn Ihr an "unseren" Wochenenden keine anderen Block-Kurse belegt. Wer hier mitmachen möchte, muss erste Priorität darauf setzen.